Wenn ein Bild-Thema Dich nicht loslässt – und so groß und nicht darstellbar erscheint…
Es gibt Momente im Leben, in denen ein einziger Satz eines Menschen eine ganze kleine Landschaft in uns aufleuchten lässt, als hätte er etwas berührt, das zwar schon lange da war, aber noch nie klar in Worte ausgedrückt und weiter gedacht wurde. Und dann steht dieser Satz plötzlich da wie ein Licht, das eine innere Ecke erhellt, die wir zwar kannten, aber nie wirklich gesehen haben.
So ein Satz fiel neulich in einem Gespräch mit Henri von Sch., als er über seine Skulptur sprach und das Motiv, das er frei umgesetzt hatte ohne Vorlagen: „Mich beschäftigt immer wieder die Frage nach der Vergänglichkeit des Menschen… wenn zum Beispiel alles zusammensackt und irgendwie zu zerfließen scheint. Das finde ich so interessant.“
Es war kein schwerer Satz, kein philosophisches Manifest, sondern etwas simples, Menschliches, und deshalb öffnete er in mir einen Raum, den ich in dieser Klarheit und frappierenden Einfachheit lange nicht gesehen hatte. Ich spürte sofort, dass dieser Satz etwas Bemerkenswertes für mich bereit hielt. Er berührte etwas, das mich schon länger begleitet, als ich es gewusst habe – ein inneres Motiv, das im Hintergrund mitschwingt, auf leisen Sohlen, stetig, und das sich in meinem Malen immer wieder zeigt, ohne dass ich es stets selbt wahr nehme.
In diesem Moment begriff ich, dass es Themen gibt, die nicht für ein einziges Bild gemacht sind, weil sie zu weit, zu tief, zu vielschichtig sind, um in einer einzigen Form Platz zu finden. Sie ziehen sich wie ein feiner Faden durch unser künstlerisches Leben, manchmal sichtbar, manchmal kaum wahrnehmbar, und doch so zuverlässig vorhanden, dass wir sie in allem mit uns tragen, was wir erschaffen.

Ein inneres Thema ist kein Projekt – es ist eine Spur
Wir glauben oft, wir müssten das große, innere Thema, das uns begleitet, in ein einziges Werk hineinlegen – ein Bild, das alles umfasst, alles erklärt, alles ausdrückt. Und wenn es uns nicht gelingt, dieses Thema „richtig“ zu greifen, dann fühlen wir uns blockiert, als wären wir noch nicht so weit oder würden nicht verstehen, was eigentlich in uns ruft oder um was es geht.
Doch als ich Henris Satz hörte, erkannte ich, dass ich viele Jahre bereits über mein eigenes Thema male – vielleicht nicht zentral, nicht vollkommen bewusst, nicht als benanntes Motiv, sondern als Hauch, als Bewegung, als Gestus, verteilt über unzählige Bilder, über Linien, über Farben, über Entscheidungen, die ich intuitiv traf.
Da wurde mir klar, dass vielleicht kein einziges Bild dieses eine große Thema tragen muss. Vielleicht ist jedes Bild ein kleiner Ausschnitt davon, ein feines Licht, ein Atemzug, eine Spur. Vielleicht lebt dieses Motiv in jedem Werk – selbst dann, wenn kein Mensch es erkennt oder ich selbst erst im Rückblick sehe, wie sehr es mich begleitet hat.

Manche Themen tragen wir in jede Linie hinein
Es gibt innere Motive, die verweben sich so selbstverständlich in unser Tun, dass wir sie zunächst gar nicht als „Thema“ wahrnehmen. Sie fließen in unsere Handschrift ein, in die Art, wie wir Farben wählen, wie wir Flächen setzen, wie wir Übergänge gestalten. Manchmal erkennt man sie überhaupt nicht – weder im fertigen Werk noch während des Malens – und doch formen sie das Ganze mit.
Die Außenwelt sieht vielleicht eine Komposition, eine Farbstimmung, eine Figur oder eine Abstraktion, doch wir selbst wissen, dass zwischen all diesen sichtbaren Ebenen etwas Unsichtbares mitspielt, etwas, das im Bild spürbar ist, weil wir es während des Malens gefühlt haben. Vielleicht benennen wir es nie. Vielleicht halten wir es eher schützend bei uns. Vielleicht taucht es nur auf als ein leiser innerer Impuls, der die Richtung bestimmt, ohne dass wir ihn ausdrücklich wahrnehmen.
Und genau dieser Impuls ist bereits die Spur, die unsere Kunst zusammenhält.
Wenn ein Thema immer da ist, wird es Teil jeder Bewegung, die Du malst
Es war eine stille, aber kraftvolle Erkenntnis, zu spüren, dass ich mein inneres Lebensmotiv nicht bewusst in irgendeiner Form festhalten muss. Ich muss es nicht definieren, nicht formen, nicht erklären. Ich muss es nicht in eine fertige Bildidee verwandeln. Es ist längst ein Teil von allem, was ich tue. Es malt mit, und es ist in mir so selbstverständlich verankert, dass es in jeder Farbe, Form, Linie, Fläche und jedem Element irgendwie mehr oder weniger enthalten ist. Ganz einfach und natürlich. Ohne Gedöns.
Wenn etwas so tief mit uns verbunden ist, braucht es keine bewusste Entscheidung, um im Bild aufzutauchen. Es findet seinen Weg – Wie das Wasser immer seinen Weg findet.

Der Anfang befreit – nicht die Erklärung
Ich erlebe, dass der Versuch, ein großes Thema „bewusst auszudrücken“, eher Druck, Ängstlich-sein, Widerstand, Flucht und erzeugt als Klarheit. Die Leinwand fühlt sich dann wie eine Bedrohung an: Mach es ja richtig… und plötzlich ist da eine Schwere, die den freien Fluss unterbricht.
Henris Worte haben mir irgendwie die Augen geöffnet. Es ist schon da. Alles ist schon vorbereitet. Da gibt es nichts zu konstruieren oder sich den Kopf heiß zu denken. Im Tun gibt es kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nur den nächsten Schritt, und dieser Schritt trägt mehr von Deinem inneren Motiv in sich, als jede vorherige Überlegung es je könnte.
Jedes Bild wird dadurch zu einer Annäherung, zu einem kleinen Stück dieses weiten, inneren Gesprächs, das Du mit Dir selbst führst. Und jedes einzelne Bild trägt einen Teil davon, selbst wenn Du ihn erst viel später erkennst.
Manchmal erkennt die Betrachterin es erst viel später – manchmal gar nicht
Und das ist vollkommen in Ordnung, denn die Bilder müssen nicht erklärt werden, und sie müssen auch nicht erkannt werden. Sie müssen nichts beweisen, nichts darstellen, nichts „zeigen“. Viel wichtiger ist, was Du während des Malens gespürt hast, ob dieses große Thema in Dir lebendig ist oder sanft unter der Oberfläche ruht, ob es Dich begleitet wie ein innerer Atem.
Wenn Du es fühlst, ist es im Bild.
Ganz gleich, wie sichtbar es ist.
Deine Kunst wird zum langen Gespräch mit Deinem inneren Motiv
Wenn Du immer wieder beginnst, ohne den Anspruch, das gesamte Thema in ein einziges Werk zu fassen, entsteht im Laufe der Zeit eine Spur, die Deine ganze künstlerische Entwicklung trägt. Ein Werk nach dem anderen fügt sich wie ein „Mosaik“ in dieses Gespräch ein, und während Du Deinen Weg weitergehst, formt sich daraus eine Linie, die nicht geplant war, aber vollkommen stimmig ist.
So wird Deine Kunst zu einem weiten, offenen Dialog mit dem, was Dich im Innersten berührt. Kein einzelnes Bild muss das Ganze tragen. Alle zusammen tun es – ohne Eile, ohne Druck, ohne dass Du es jemals erzwingen brauchst.
In Verbundenheit,
Clara Morgenthau

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